Wenn Autoritäten moralisch versagen
Langer Applaus für WDG-Theatergruppe
Mit viel Herzblut führte die Theatergruppe des Wilhelm-Diess-Gymnasiums Pocking unter der Leitung von Sarah Adams Heinrich von Kleists Klassiker „Der zerbrochne Krug“ auf. Das um 1800 entstandene Stück ist auch heute noch erstaunlich aktuell. Im Mittelpunkt der Handlung steht der Dorfrichter Adam, der in einer Gerichtsverhandlung den Schuldigen für einen zerbrochenen Krug finden soll. Was zunächst wie ein gewöhnlicher, banaler Rechtsstreit zwischen Marthe Rull, ihrer Tochter Eve und deren Verlobtem Ruprecht beginnt, entwickelt sich zunehmend zu einem raffinierten Verwirrspiel. Nach und nach wird deutlich, dass Adam selbst in den Vorfall verwickelt ist und seine eigene Schuld zu verschleiern versucht. Mit sicherem Gespür für komödiantisches Timing verkörperte Noah Auer den Dorfrichter Adam und machte den Wandel von selbstherrlicher Autorität über wachsende Nervosität bis zu blanker Panik für den Zuschauer greifbar. Die amüsanten bis absurden Dialoge sowohl mit Schreiber Licht (Xenia Schweizer) als auch Gerichtsrat Walter (Franz-Jonas Kontschitsch) als sachlich-nüchterne Kontrapunkte waren eine der Stärken der Aufführung. Die Rolle der aufgebrachten Witwe Marthe Rull teilten sich Luisa Windisch und Isabell Steindl. Ihre emotionalen Wortgefechte mit Moritz Münzer als impulsiver Ruprecht Tümpel und seinem Vater Veit (Magdalena Schmid) machten großen Spaß. Zahlreiche Verdächtige wurden im Laufe der Verhandlung ermittelt. War‘s der Ruprecht? Nebenbuhler Lebrecht? Oder sogar der Teufel, wenn man den Aussagen der neugierigen Frau Brigitte (Lea Freudenstein) Glauben schenken wollte. Schließlich fasste sich Isabella Keßler in der Rolle der Eve doch noch ein Herz und brachte die Wahrheit auf den Tisch, sodass sich der Zwist unter den Verlobten in Wohlgefallen auflösen konnte. Allein der Krug, der blieb am Ende zerbrochen – ein Zeichen dafür, dass das oberflächliche Happy End die zugrundeliegenden Probleme lediglich kaschiert, aber nicht löst. Wo Macht missbraucht wird und Autoritäten auch moralisch versagen, entstehen Risse, die sich nicht so einfach kitten lassen. Und so lebt Kleists Komödie zwar von ihrer Situationskomik, doch zum Lachen ist das, was da unter der Komödienoberfläche brodelt, nicht wirklich. Schulleiter Stefan Stadler würdigte die Leistung der Theatergruppe und sprach Sarah Adams und Kunstlehrerin Christiane Dorn seinen Dank für die im Vorfeld geleistete Arbeit aus. Letztere hatte gemeinsam mit Ajla Aslani, Jasmin Deines, Sina Rauner und Mara Diaconu ein atmosphärisches Bühnenbild entworfen. Für die technische Umsetzung der Musik, Licht- und Toneffekte zeichnete sich Korbinian Kreileder verantwortlich. Yara Bouquaroune spielte die Rolle des Büttels und sprach einen einführenden und einordnenden Erzählerkommentar. Aufgrund der großen Anzahl an Schauspielern waren einige der Figuren zudem mehrfach besetzt. So traten Mia Brodschelm und Carolin Egginger (Marthe Rull) sowie Anna Auer (Eve) erst in einer weiteren, eigens für die Schülerschaft anberaumten Vorstellung auf, die nicht minder überzeugte. Der langanhaltende Applaus, mit dem das Publikum die Akteure der Premierenaufführung belohnte, bewies, dass der Funke übergesprungen war. Ein großes Lob an das gesamte Team für diesen wirklich gelungenen Theaterabend!
(PNP vom 09.07.2026)
